Vielleicht bald ne ganze Menge! Denn wenn das Berliner Arbeitsamt sich Hamburg zum Vorbild nimmt …
Folgende Fundsache hat ein Kollege im theaterjobs.de-Forum geposted:
(aus: "spiegel wissen")
Zweiter Zwerg
Das Hamburger Arbeitsamt will arbeitslose Schauspieler in andere Berufe locken.
Sechs Jahre nachdem sie die Bühnenprüfung bestanden hatte, wartete die Hamburger Schauspielerin immer noch auf ein ernst zu nehmendes Engagement. Das Arbeitsamt hatte ihr außer der Arbeitslosenhilfe nichts zu bieten. Doch nun kam endlich ein Behördenbrief ins Haus mit der Einladung zu einem Gespräch "über Ihr Bewerberangebot bzw. Ihre berufliche Situation".
Aber die Hoffnung auf ein konkretes Angebot verflüchtigte sich so unversehens wie der Geist von Hamlets Vater. Das Amt hatte mit gleichlautendem Schreiben 20 Schauspieler, alle als langzeitarbeitslos geführt, angelockt und eröffnete den aufgeschreckten Romeos und Gretchen in Dauer-Warteschleife, jetzt sei ihr "Dornröschenschlaf" ausgeträumt. Die lange Arbeitslosigkeit beweise, daß sie unqualifiziert und somit nicht mehr vermittelbar seien: Als Schauspieler wolle man sie nicht mehr in den Akten führen.
In zwei Wochen beginne "ein Workshop zur Berufs-Neuorientierung", Ziel sei eine "Umorientierung in der Berufsperspektive", kurz "ein neuer Beruf". Wer sich dieser Maßnahme widersetze, so die düstere Drohung, müsse mit achtwöchiger Sperre seiner Unterstützung rechnen.
Der Vorschlag der verunsicherten Kunst-Menschen, doch über das Projekt abzustimmen, wurde von Klaus Koch, dem zuständigen Amt-Abschnittsleiter, abgetan: "Dies hier ist keine Demokratie."
Nach dem Arbeitsförderungsgesetz entfällt bei langer Arbeitslosigkeit der Berufsschutz, und das Arbeitsamt ist qua "Zumutbarkeits-Anordnung" berechtigt, die Zuwendungen auszusetzen oder ganz zu streichen, wenn ein Arbeitsloser das Amts-Angebot ablehnt, in einem anderen Beruf zu arbeiten. Doch davor haben arbeitslose Schauspieler anscheinend soviel Angst wie Intendanten vor Subventionskürzungen. Koch: "Die leben in einer Scheinwelt, machen alle anderen für ihren Mißerfolg verantwortlich, aber nicht sich selbst."
Um die erwerbslosen Bühnendarsteller in die Realität zurückzuholen und sie nicht "schlechter zu behandeln als einen arbeitslosen Kraftfahrzeugmechaniker", hatte Arbeitsamtsdirektor Klaus Clausnitzer das Institut für Kommunikation und Schulung in der Wirtschaft (IKS) als passenden "Maßnahme-Träger" ausersehen.
Das private Umschulungsinstitut entwarf fürs Arbeitsamt, einen seiner besten Kunden, flugs ein passendes Konzept. Ein Konkurrenzinstitut wurde gar nicht erst beauftragt. In vier Monaten, so die im Soziologendeutsch schwelgende IKS-Analyse, könnte das Ziel erreicht und zum Beispiel ein Schauspieler, der sich bisher bestenfalls als zweiter Zwerg im Weihnachtsmärchen profiliert hatte, für eine Karriere als "rollenflexibler Verkäufer" oder "Fachkaufmann in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft" umgepolt sein.
Arbeitslosen-Administrator Clausnitzer, in dessen Behörde 287 Schauspieler arbeitslos gemeldet sind, davon 78 länger als ein Jahr, war vom Umorientierungsszenario begeistert und frohlockte über die Aussicht auf gesenkte Arbeitslosenzahlen. Denn Teilnehmer an einer Fortbildungs- oder Umschulungsmaßnahme gelten für deren Dauer nicht mehr als arbeitslos.
Clausnitzer akzeptierte denn auch ohne Bedenken die vom IKS berechnete Kopf-Prämie von 3800 Mark. Dafür wollte das Institut, das sonst auch in die Geheimnisse der EDV oder der doppelten Buchführung einweiht, ganze Überzeugungsarbeit leisten.
IKS-Geschäftsführer Werner Vogel, Diplom-Volkswirt und schon längst in der ehemaligen DDR auf Arbeitslosen-Akquisition, renommiert gern mit seinen Psychologie-Kenntnissen. Prompt versprach denn auch das Arbeitsamt, mit ausgefeilten Psycho-Techniken seiner neuen Klientel unter anderem das "Steffi-Graf-Syndrom" ("Du sollst uns alle berühmt machen") als geheime Theater-Triebkraft bewußt zu machen. Nach dieser Theorie stecken eigentlich die ehrgeizigen Eltern hinter dem Bühnen-Drang ihrer theaterbesessenen Kinder.
Sollte es mit der Offenlegung dieses Seelen-Mechanismus nicht klappen, würde vielleicht das Eingeständnis von "Erlösungs- und Größenphantasien" die rechte Selbsterkenntnis bringen. Irgendwie, so war Vogel sicher, könne man den von der Muse Ungeküßten den Verzicht aufs Rampenlicht schon schmackhaft machen.
Doch da hatte der smarte Umschuler sich verschätzt. Den Mimen war das interne IKS-Konzept, inzwischen durch eine entschärfte, offizielle Fassung ersetzt, in die Hände gefallen. Sie witterten Raubbau an ihrer Psyche. Statt sich mit den Chancen am Arbeitsmarkt zu befassen, setzten die unfreiwilligen Pilotprojektler ihre Standesorganisationen auf den Fall an.
Schon zwei Tage nach Beginn des Modellversuchs verwahrte sich am 4. April die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger bei Heinrich Franke, dem Präsidenten der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, gegen "derartige psychoanalytische Ausforschungen". Die arbeitslosen Schauspieler würden "mit psycho-technischen Methoden" konfrontiert, "die geeignet sind, bei entsprechender Disposition bleibende Schäden zu verursachen".
Im IKS-Alltag zeigte sich allerdings erst mal anderes: Institutschef Vogel erlebte seine Schützlinge als "verbockt" und hatte soviel Widerstand überhaupt "noch nie erlebt". Seine Gesprächsangebote liefen ins Leere, die im Ur-Konzept avisierte "Selbstanalyse", etwa die Erkenntnis, in "biologischem Erbauftrag (z. B. auch der Vater, die Mutter waren Künstler)" zu handeln, verweigerten die Künstler mit Erfolg. Heftige Wortgefechte mit den überforderten Dozenten und Schweigestunden wechselten sich ab. Das Psycho-Drama, resümiert eine Teilnehmerin, "war Lebenszeitverschwendung".
Von den 18 Teilnehmern des Kurses hielten nur 8 bis zum Ende durch. Für sie fahndete das IKS hektisch nach Praktikantenplätzen in verwandten Berufen.
Raul Sosa Alurralde, ein in Heidelberg zum Sänger und Schauspieler ausgebildeter Argentinier, wurde selber fündig. Im Hamburger Generalkonsulat seines Heimatlandes ist er jetzt - amtlich beglaubigt - befugt, das Konsulat vorübergehend in "künstlerischen und kulturellen Angelegenheiten zu repräsentieren". Seine Kunst-Kollegin Iris Born kochte derweil in einem Design-Büro Kaffee, ein Schauspieler schleppte in einer Firma für Theaterdekorationen Farbeimer. Das IKS verbucht die Praktikanten-Stellen als Erfolge - zu früh. Denn bei der Bühne wollen alle bleiben.
Trotzdem spielt das Hamburger Arbeitsamt weiter Ersatz-Theater. Schon sind wieder Formbriefe mit der Einladung für ein Gespräch "über Ihre berufliche Situation" verschickt. Diesmal mit der unverblümten, wenn auch in fehlerhaftem Bürokratendeutsch verfaßten Entscheidungshilfe: "Sollten Sie zu diesem Termin nicht erscheinen, gehe ich davon aus, das Sie nicht mehr arbeitslos gemeldet sein wollen." Direktor Clausnitzer ist auch nach dem Scheitern seines unsensibel durchgezogenen Modellversuchs davon überzeugt, daß arbeitslose Mimen zu bürgerlichem Broterwerb gedrängt werden müssen: "Es ist nicht die Bestimmung eines Menschen, arbeitsloser Schauspieler zu sein."
FAZIT: Wenn wir Pech haben, können wir in Zukunft zu solcher Arbeit (sh. reichlich Beispiele bei der "Berliner Scala" in diesem blog) GEZWUNGEN werden …!